Ist das Loben lobenswert?

„Erziehung ist Manipulation“,

das waren die ersten Worte von Jesper Juul bei seinem Vortrag, in Linz Herbst 2011. Ich war dabei und ca. 1000 (!) weitere ZuhörerInnen, der Saal war rappelvoll 😉 Mich interessieren die Themen und seine Inhalte schon längere Zeit sehr – sie erinnern mich stark an die GFK – die Gewaltfreie Kommunikation. Mit etwas anderen Worten und
Begrifflichkeiten, auch mit anderen gewaltfreien Theorien. Das erlebe ich als sehr bereichernd für mich. Er nennt es die persönliche Sprache.

Nach dem Vortrag dachte ich mir, dass die ZuhörerInnen ganz viel Interessantes und vielleicht auch Neues erfahren hatten, aber viele sicher mit dem Gedanken „Und wie mache ich es jetzt richtig?“ nach Hause gingen. Da finde ich die Anleitungen (Gefühle, Bedürfnisse, Strategien) der GFK sehr hilfreich. Jesper Juul, das erfuhr ich von ihm Monate später bei der Seminarleiterausbildung, legt keinen großen Wert auf Theorien und Methoden. Er möchte nicht, dass die Eltern zu einem „sprechenden Elternautomat“ mutieren.  Das gefällt mir. Die Mischung Jesper Juul und M.B.Rosenberg ist für mich perfekt!

Jesper_Thomas_familylabHier noch ein Zitat von Jesper Juul, in dem die Wirkung von Lob für mich sehr anschaulich erklärt wird. Ein Zitat aus dem Buch von Jesper Juul:
Dein kompetentes Kind, rororo, ISBN 978-3-499-62533-6, Seiten 110-112 oben.
Der dreieinhalbjahrige Lars sitzt am Küchentisch und wartet auf seine Mutter, die noch nicht von der Arbeit nach Hause gekommen ist. Sein Vater schlägt ihm vor, ein bisschen zu malen, um sich die Zeit zu vertreiben. Eine Stunde und sechs Bilder später kommt die Mutter nach Hause. Lars läuft ihr sofort entgegen und gibt ihr sein letztes Bild mit den Worten: „Schau Mama, das ist für dich!“ Seine Mutter betrachtet das Bild und entgegnet: „Was für ein schönes Bild, Lars. Du bist richtig gut im Malen geworden.“

Obwohl das Lob sicher lieb gemeint ist, kommt kein richtiger Kontakt zwischen Mutter und Kind zustande, eher Bewertungen. Aber Lars ist seiner Mutter nicht entgegengelaufen, um bewertet zu werden. Er macht ihr vielmehr ein Geschenk, weil er sie liebt und vermisst hat. Hätte er gemeinsam mit seinem Vater gerade ein Bilderbuch angeschaut, hätte er seiner Mutter das Bild gezeigt, das ihn gerade beschäftigt. Hätte er ferngesehen, hätte er vermutlich einfach gesagt: „Mama guck mal!“

Der entscheidende Punkt besteht darin, dass er gewissermaßen sich selbst verschenkt, seiner Mutter einen spontanen persönlichen Ausdruck entgegenbringt und dafür eine Bewertung erhält.

In diesem Zusammenhang spielt es keine Rolle, ob die Bewertung positiv oder negativ ist. Ob er für sein Bild eine gute oder eine schlechte Note bekommt. Wäre sich seine Mutter darüber im Klaren, hätte sie sein Geschenk mit den Worten anerkannt: „Danke Lars, ist das ein Geschenk für mich? Hast Du mich vermisst?“ Oder: „Danke, mein Schatz … ich kann gar nicht alles erkennen, was auf dem Bild drauf ist. Kannst du es mir erklären?“ Oder: „Hallo mein Schatz. Oh, wie sehr ich mich freue, dich wieder zu sehen.“ Es kommt nicht auf die genaue Wortwahl, sondern nur darauf an, dass ihre Reaktion spontan und persönlich ist. Natürlich will die Mutter ihrem Sohn eine persönliche Reaktion nicht willentlich vorenthalten. Doch sie tut es unter anderem, weil sie gelernt hat, dass man so eben mit Kindern spricht, wenn man liebevoll sein und ihnen Selbstvertrauen vermitteln will.

Wenn ihr Mann so mit ihr spräche, würde sie sich vermutlich einsam und von oben herab behandelt fühlen. Auch Lars ist mit ihrer Reaktion unzufrieden, aber da er ein kleiner Junge ist, der seine Mutter liebt und spürt, dass sie ihn auch liebt, kooperiert er! Doch wird er seiner Mutter schon bald kein Bild mehr mit den Worten bringen: „Das habe ich für dich gemalt.“ Er wird sich vielmehr an die erlernten Spielregeln halten und sagen: „Guck mal‘ Mama, ist das nicht schön?“ Oder: „Hab ich das nicht gut gemacht?“

Seine Lebensperspektive hat sich geändert. Wo früher sein bloßes Dasein zählte, zählt jetzt sein Können; wo seine Existenz genügte, ist jetzt Leistung gefordert.

Dieser Beitrag wurde unter Eltern sein abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.